
Von Pastoren, Polizisten und toten Schwiegermüttern
Auf Wunsch der Beteiligten wurden alle Namen von der Redaktion geändert.
Keiner der Polizeibeamten bemerkte den Mann, der auf die Tür ihres Präsidiums zuging, kurz stehen blieb, dann auf dem Absatz kehrt machte und wieder verschwand. Selbst wenn jemand sein seltsames Verhalten beobachtet hätte, wäre er wohl nie darauf gekommen, dass sich hier ein adventistischer Pastor gegen eine Möglichkeit seinen Glauben zu bezeugen entschied.
Er war nur noch wenige Schritte von der Tür der Polizeistation entfernt, als Robert Z. eine innere Stimme vernahm, die ihm mitteilte, dass er jetzt einen der Polizisten mit dem Wort Gottes konfrontieren sollte. Robert verlangsamte seine Schritte und wägte die Lage ab. Einerseits war er ohne Navigationssystem auf die Auskunft der Polizei angewiesen. Andererseits hatte er genau eine Woche um im neuen Bezirk eine Wohnung zu finden und umzuziehen. Dazu kamen noch Termine in der alten Gemeinde und mußte einen großen Kongress vorbereiten. Er konnte sich nicht vorstellen, jetzt noch die Kraft für ein langes Glaubensgespräch aufzubringen. Nein, heute nicht Herr, dachte Robert, und machte sich alleine auf die Suche nach der richtigen Straße. Er hätte sich denken können, dass Gott nicht locker lassen würde.
Nur noch Haut und Knochen Etwa ein halbes Jahr später nahm Robert im Wohnzimmer einer Familie Platz, deren adventistische Nachbarin ihn verständigt hatte. Ihm gegenüber ein Mann, Michael, und ein Schatten, der einmal dessen Frau gewesen war. „Es hat vor einigen Jahren angefangen,“ begann der Mann zu erzählen, „plötzlich konnte Ingrid kein Essen mehr behalten. Wir haben alle möglichen Ärzte konsultiert, aber medizinisch ist nichts zu finden, sie ist rein organisch gesehen völlig gesund.“ Da Robert neben Theologie auch Psychologie studiert hatte begannen sich in seinem Kopf sofort die Rädchen zu drehen, doch er zwang sich, erst einmal keine Fragen zu stellen. „Es ist im Prinzip wie Bulimie, nur dass das Erbrechen von selbst kommt.“ erklärte Ingrid. „Seit drei Jahren bin ich in psychologischer Behandlung, aber auch das hat nichts gebracht. Ich habe den Eindruck, man hat mich jetzt zum Sterben nach Hause geschickt.“ „Sie wiegt nur noch ungefähr 36kg.“ fügte Michael hinzu und obwohl diese Zahl unfassbar ist, war Robert nicht erstaunt. Ein Blick auf Ingrid beim Betreten des Raumes hatte genügt um zu sehen, dass die Lage ernst war. Sie bestand nur noch aus Haut und Knochen.
„Die Kinder und ich sind am Ende. Wir haben keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Die besten Ärzte haben nicht geholfen. Ich kann kaum noch meine Arbeit auf der Wache verrichten …“ „Sie sind Polizist?“ Robert hob die Augenbrauen. „Ja, aber ich weiß nicht, wie lange ich das noch machen kann.“ Schweigen. „Es kann so nicht mehr weitergehen. Entweder ich werde den Rest meines Lebens per Sonde ernährt oder ...“ Ingrid bricht mitten im Satz ab. „Und jetzt hat Frau Mandler uns an sie verwiesen.“







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